Die großen Unbekannten auf den letzten Metern der US-Wahl

Die Ankündigung des FBI-Direktors James Comey, weitere Clinton-Emails zu untersuchen, die auf einem Computer des ehemaligen demokratischen Abgeordneten Anthony Weiner gefunden wurden, hat zu einem deutlichen Umfrageplus für Donald Trump geführt. Bereits in den Tagen vor dieser Nachricht hatte Trump Stück für Stück Boden auf Clinton gut gemacht. Nun, eine Woche vor der Wahl, liegen beide in nationalen Umfragen Kopf an Kopf, in einigen führt Trump knapp.

Angesichts dessen ist es zunächst wichtig, zu betonen, dass nationale Umfragen nicht entscheidend für den Wahlausgang sind. Die Wahl wird in den einzelnen Bundesstaaten entschieden und dort speziell in den sogenannten „Swing States“, bei denen sowohl Trump als auch Clinton eine Chance für eine relative Mehrheit haben. Insofern gilt das besondere Augenmerk derzeit den Umfragen in den voraussichtlich entscheidenden Bundesstaaten. Hier hat Clinton noch (!) einen Puffer von 4,1 % in Colorado, dem Bundesstaat, der ihr derzeit gerade so eine Mehrheit von Wahlmännern und –frauen verschaffen würde, in den für Clinton noch leicht stabileren Staaten Pennsylvania, Michigan und New Hampshire sind es 4,7 %.

Das ist nicht viel, zumal es bei diesem Wahlkampf eine Reihe von großen Unbekannten gibt, die den Ausgang schwer berechenbar machen und zu Nervosität hinter den Kulissen beitragen.

  1. Die Volatilität der Umfragen

Einer der wenigen stabilen Faktoren in diesem Wahlkampf ist die Instabilität der Umfragen. Noch vor zwei Wochen lag Donald Trump im Schnitt der nationalen Umfragen 8,9 Prozentpunkte hinter Clinton. Noch nie zuvor hat ein Präsidentschaftskandidat es vermocht, ein derartiges Defizit in einem solch kurzen Zeitraum aufzuholen. Aber in diesem Wahlkampf ist wenig, wie es zuvor war. Die deutlichen Schwankungen innerhalb von kurzen Zeiträumen zwischen den Kandidaten sind eher ein Merkmal des Wahlkampfes als die Ausnahme. So oder so liegt der derzeitige Abstand von Trump und Clinton in den entscheidenden Staaten bereits fast innerhalb der Fehlertoleranz der Umfragen.

  1. Der hohe Anteil an unentschiedenden Wähler/innen

Landesweit sind derzeit, nach eineinhalb Jahren hartem Wahlkampf, noch immer etwa 15 % der registrierten Wähler/innen unentschieden. Vor vier Jahren waren es zu diesem Zeitpunkt lediglich 5 %. Diese sind unterschiedlich auf die Swing States verteilt, aber in jedem Fall eine ausreichende Größe, um Trump oder Clinton zum Sieg zu verhelfen. Das Momentum in den letzten Tagen des Wahlkampfes könnte hier entscheidend sein.

  1. Wer sind die „wahrscheinlichen Wähler/innen“?

Alle Umfragen basieren auf einer Abwägung der Umfrageinstitute, welche der Befragten tatsächlich zur Wahl gehen werden. Dazu werden unterschiedliche Kriterien herangezogen, beispielsweise die Frage, ob sie in der Vergangenheit an Wahlen teilgenommen haben, oder auch die Frage, ob sie vorhaben, an dieser Wahl teilzunehmen. Diese Abwägung ist jedoch stets mit Unwägbarkeiten verbunden. So gaben 2012 76 % der wahlberechtigten Amerikaner/innen an, vor zu haben, zur Wahl zu gehen. Letztlich gingen jedoch lediglich 57,5 % zur Wahl. Diese Herausforderung, das Wählerverhalten in Umfragen abzubilden, wird in diesem Jahr durch zwei weitere Faktoren verkompliziert. Zum Einen zielt Trump in hohem Maße auf die Mobilisierung von weißen Wähler/innen ohne Collegeabschluss, die bislang nicht an Wahlen teilgenommen haben. Wie hoch der Anteil von diesen an den Wahlen letztlich sein wird, ist schwer abzuschätzen. Zum Zweiten sind in diesem Jahr durch neue Wählerregistrierungen erstmals vermutlich über 200 Millionen US-Amerikaner/innen wahlberechtigt. 2008 waren es noch lediglich 146 Millionen. Die Mehrheit dieser 50 Millionen seither neu registrierten möglichen Wähler/innen tendiert demographisch zu Clinton. Aber auch hier ist die große Unbekannte, wer von ihnen letztlich zur Wahl gehen wird.

Vor diesem Hintergrund bleibt die Wahl auf den letzten Metern unberechenbar. Clinton hat den Vorteil, dass die Wahl in einigen wichtigen Bundesstaaten wie North Carolina bereits begonnen hat und sie damit unter Umständen ihren noch vor kurzem bestehenden großen Vorsprung in den Umfragen bereits in Stimmen umsetzen konnte. Aber entschieden ist nichts, von einem Trump-Sieg bis zu einem Erdrutsch-Sieg für Clinton ist alles im Bereich des Möglichen. Stand heute kalkuliert der Umfrageguru Nate Silver die Chancen eines Clinton-Siegs auf 71,8 %, Tendenz fallend, eines Trump-Siegs auf 28,2 %, Tendenz steigend.

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