Gender im US-Wahlkampf (1): Clintons historische Kandidatur

Hillary Clinton hat als erste Präsidentschaftskandidatin einer großen Partei in den USA bereits eine historische gläserne Decke durchbrochen. Ihre Chancen stehen gut, nun auch die letzte Hürde zu nehmen und im Januar 2017 ins Weiße Haus einzuziehen.

Das hat gerade in den USA eine große symbolische Bedeutung, wo die Politik noch immer stark männerdominiert ist. Lediglich 20 % der Abgeordneten sind Frauen und nur sechs von 50 Gouverneursposten. Falls Hillary Clinton am 8. November gewählt werden sollte, wird sie vermutlich in Pennsylvania, Nevada, Virginia, Colorado und Ohio gewonnen haben, allesamt Staaten, die noch nie zuvor eine Frau als Senatorin oder Gouverneurin gewählt haben.

Frauen und Männer werden mit zweierlei Maß gemessen

Der Weg, den Clinton bis hierhin zurück gelegt hat, war ein langer und steiniger. Angefangen mit ihrem ersten politischen Amt als First Lady in Arkansas, war sie in allen politischen Funktionen mit vielfältigen und widersprüchlichen Erwartungen an ihre Rolle als Frau konfrontiert und mit offenem und verstecktem Sexismus. Sie soll härter, weicher, bodenständiger, menschlicher, qualifizierter, wärmer, kontrollierter und weniger kontrolliert sein, vor allem aber „authentisch“.

Von dieser Realität können auch andere Kandidatinnen ein Lied singen,  wie die Gouverneurskandidatin Gail Schoettler, die meint “The scrutiny on women is a lot tougher than it is on men. (…) Winning-while-female means being both likable and strong, in touch with the common people and highly qualified. It also means living up to higher standards of ethical behavior than male candidates.” Alleine die Vorstellung, wie Clinton als Frau bewertet werden würde, wenn sie sich wie Donald Trump verhielte, zeigt die doppelten Standards, die immer noch für Frauen und Männer in der US-Politik gelten.

Barack Obama selbst meinte im Rückblick auf den Vorwahlkampf 2008, er habe als Mann einen unfairen Vorteil gegenüber Clinton genossen: “She was doing everything I was doing, but just like Ginger Rogers, it was backward in heels. She had to wake up earlier than I did because she had to get her hair done. She had to, you know, handle all the expectations that were placed on her.”

Clintons Kleidung, Mimik und Stimme werden von konservativen Meinungsmachern seit Jahrzehnten kritisch kommentiert. Bezeichnend war auch die Berichterstattung zu ihrer Lungenentzündung und dem daraus folgenden Schwächeanfall. Dies fügte sich ein in das Stereotyp der in Ohnmacht fallenden Frau und des „schwachen Geschlechts“. Donald Trump attackierte sie in der folgenden Fernsehdebatte als eine Kandidatin ohne ausreichend „Stehvermögen“. Hillary Clintons gesamtes politisches Leben ist geprägt von derartigen sexistischen Angriffen (eine Auswahl ist hier zu finden).

Die Frauenkarte

Im Gegensatz zu ihrer Kampagne 2008, als Clinton vor diesem Hintergrund bewusst vermied, auf die Bedeutung ihrer Kandidatur als Frau einzugehen, hat sie sich 2016 jedoch entschieden, dies selbst in den Vordergrund zu stellen und damit eine vermeintliche Schwäche zu einer entscheidenden Stärke zu machen.

Die historische Bedeutung ihrer Kandidatur wurde auf dem demokratischen Parteitag in Philadelphia ausführlich inszeniert. Im Wahlkampf setzt sie bewusst Themen, die Wählerinnen besonders wichtig sind wie gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, den Ausbau von Kinderbetreuung, bessere Elternzeitregelungen und das Recht auf Wahlfreiheit bei Abtreibungen.

Den Vorwurf von Donald Trump, sie spiele die „Frauenkarte“, konterte sie mit der Einführung einer offiziellen Hillary-Frauenkarte. Seither gibt es eine intensive öffentliche Debatte zur Frage, was eine „Frauenkarte“ in der heutigen US-Gesellschaft bedeutet, und in welchem Maße Diskriminierung noch immer Alltag ist. Anstatt die kritische Kommentierung ihrer Kleidung zu ignorieren, macht Clinton ihre Hosenanzüge nun ihrerseits zu einem Markenzeichen.

Trotz dieses selbstbewussten Auftretens als Kandidatin sehen viele Feministinnen Clinton weiterhin kritisch. Manche, vor allem jüngere, betrachten sie als Vertreterin eines reichen, weißen Establishment-Feminismus. Sie argumentieren, dass für echten gesellschaftlichen Wandel alle Machtverhältnisse thematisiert und infrage gestellt werden müssen, und Clinton hierfür keine glaubwürdige Botschafterin sei. Für andere ist die Tatsache, dass Hillary Clinton ihren Mann stets verteidigte bezüglich seiner Affären (und den Vorwürfen von sexueller Gewalt gegen Frauen) ein zentraler Kritikpunkt. Wiederum andere kritisieren, dass ihre Außenpolitik keine ausreichend feministische Ausrichtung oder Infragestellung des Status Quo repräsentiere.

Frauen schlagen Trump

Was Hillary Clinton jedoch strategisch entgegen kommt, ist der Kontrast zu ihrem Gegenspieler Donald Trump. Es gibt wohl kein klareres geschlechterpolitisches Gegenbild zu der ersten Frau als Präsidentschaftskandidatin. Mit seinem unverblümten Sexismus, seinem Prahlen mit sexueller Gewaltanwendung (dazu mehr im nächsten Artikel aus dieser Serie), seinen Angriffen auf Journalistinnen oder seine Mitbewerberin Carly Fiorina, scheint Trump alles dafür zu tun, Wählerinnen zu verprellen. Die Art und Weise, wie er Clinton bei der ersten Fernsehdebatte ständig unterbrach und sich in der zweiten Debatte bedrohlich hinter ihr aufbaute, verfestigte sein Image als Mann, der zu Frauen nur einen Bezug hat, wenn er sie unterwerfen kann.

Damit kommt Trump zwar bei vielen Männern gut an, hat aber historisch schlechte Zustimmungswerte bei Frauen. Der Umfrage-Guru Nate Silver hat Karten erstellt, wie die Stimmenverteilung der Wahlmänner und -frauen aussähe, wenn nach derzeitigem Umfragestand nur Frauen oder Männer an der Präsidentschaftswahl teilnehmen könnten. Das Ergebnis ist eindeutig. Eine knappe Mehrheit der Männer unterstützt Trump, aber eine deutliche Mehrheit der Frauen favorisiert Clinton. Angesichts dessen, dass bei der letzten Präsidentschaftswahl 53 % der Wählerschaft Frauen waren, läuft daher derzeit alles auf ein Ergebnis hinaus: Frauen schlagen Trump. Eine Frau insbesondere.

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