Donald Trump, Sie haben Nichts und Niemanden geopfert

Letzte Woche berichteten die amerikanischen Medien brav vom Demokratischen Parteitag, von den Reden der Obamas und der Clintons, von Sanders, Biden, Warren, und den anderen „Big Names“ der Partei. Doch seit Donnerstag ist nicht Clintons historische Nominierung als erste weibliche Präsidentschafts-Kandidatin einer großen Partei, sondern die 6-Minuten-lange Rede eines bisher unbekannten Einwanderungsanwalts (Immigration Lawyer) das Thema, das die Nachrichten, den Wahlkampf und die Sozialen Medien dominiert: Khizr Khan, Rechtsanwalt, Amerikanischer Staatsbürger, Einwanderer pakistanischer Herkunft, Muslim und Vater eines jungen Soldaten namens Humayun Khan, der  2004 im Irak getötet wurde.

Humayun Khan ging damals bewusst auf ein verdächtiges Auto zu, um seine Soldaten und mehr als einhundert andere, die gerade im Militärstützpunkt das Frühstück einnahmen, zu beschützen. Im Auto saß ein Selbstmordattentäter, und die Explosion tötete Khan. Für seinen Mut erhielt er posthum ein Purple Heart und einen Bronze Star – zwei der höchsten Auszeichnungen des Militärs.

In seiner Rede sprach Humayuns Vater, Khizr Khan, mit eindringlicher Leidenschaft über seine Liebe zu den Vereinigten Staaten,

„Wie viele Immigranten kamen wir mit leeren Händen in diesem Land an. Wir glaubten an amerikanische Demokratie…Wir waren damit gesegnet unsere Söhne in einer Nation aufzubringen in der sie frei waren, sich selbst zu sein und ihren Träumen zu folgen“.

Mit Vehemenz kritisierte er den Kandidaten Trump, der “Minderheiten missachtet“ und „schwört uns aus diesem Land zu verbannen.“

In dem vielleicht einprägsamsten Moment des Parteitags zog er eine Taschenbuchausgabe der US-Verfassung aus seinem Jackett und forderte:

„Donald Trump…haben Sie die US-Verfassung überhaupt schon gelesen?…Waren Sie überhaupt schon einmal auf dem Arlington Friedhof? Gehen Sie hin und schauen Sie sich die Gräber der mutigen Patrioten an, die für Amerika starben. Sie werden alle Religionen, Geschlechter, und Ethnien sehen. Sie haben nichts und niemanden geopfert.

Und so begann das Drama der letzten fünf Tage. Denn wenn es in der amerikanischer Kultur ein Tabu gibt, das keiner brechen darf, dann ist es das hochheilige Verbot die Soldaten des US-Militärs und deren Angehörige zu kritisieren und zu missachten.

Donald Trump war beleidigt.

In einem Interview am Samstagabend mit ABC News gab er zu verstehen, Herr Khan würde seine Frau offensichtlich unterdrücken: „wenn man sich Frau Khan anschaut, sie hatte nichts zu sagen…vielleicht wurde es ihr gar nicht erlaubt, etwas zu sagen zu haben…viele Leute haben das schon gesagt“.

Er griff zurück auf sein Lieblingsthema: „Wir haben schon viele Probleme mit dem radikalislamistischen Terrorismus gehabt“ und erinnerte die Zuschauer mit einer langen Liste an die jüngsten (und ein paar bereit länger zurückliegende) Terroranschläge: San Bernardino, Orlando, das World Trade Center, Paris („schauen Sie sich an was dem Priester in Paris über das Wochenende passiert ist“), und Nizza.

Auf die Frage, ob er nicht doch zu der Frage Stellung nehmen wolle, was er denn für das Land schon geopfert hätte, sagte Trump:

„Oh, ich finde ich habe schon sehr viel geopfert. Ich habe sehr, sehr hart gearbeitet, und tausende, sogar zentausende, Jobs geschaffen.“

Als Antwort auf Trumps Andeutung, sie sei von ihrem Mann zum Schweigen verpflichtet, veröffentlichte Ghazala Khan einen offenen Brief in der Washington Post:

„ Donald Trump meint ich hätte nichts zu sagen. Aber das habe ich.“

Sie und ihr Mann haben in den letzten Tagen etliche Interviews mit CNN und anderen Nachrichtensendern geführt:

Clinton twitterte schnell ihre Unterstützung: “Ihr Mut ist inspirierend, Frau Khan – und Sie haben recht.”

Ghazala Khans Stellungname inspirierte den Council on American-Islamic Relations eine Kampagne unter dem Hashtag  #CanYouHearUsNow (Könnt ihr uns jetzt hören) anzustoßen, bei dem die Organisationen amerikanische Musliminnen dazu aufrief sich gegen Trump zu äußern.

Die Kampagne war ein riesiger Erfolg, und Tausende von Frauen twitterten darüber, wie sie als stolze Musliminnen ihre Stimme einsetzen:

 

Trump wurde angesichts solch massiver Kritik immer wütender:

Am 31. July:

Wenig später:

Am 1. August:

Und eine Stunde später:

Endlich haben auch ein paar Republikaner Stellung bezogen:

Der Senator aus Arizona, John McCain, äußerte scharfe Kritik an Trump  in einer öffentlichen Stellungsname:

„In den letzten Tagen hat Donald Trump die Eltern eines gefallenen Soldaten verunglimpft. Er hat angedeutet, dass Menschen wie ihrem Sohn kein Eintritt in die Vereinigten Staaten gewährt sein sollte – ganz zu schweigen von ihrem Eintritt in das Militär…Ich kann nicht genügend betonen wie sehr ich mit Herrn Trumps Kommentaren in Widerspruch stehe. Ich hoffe die Amerikaner verstehen, dass diese Kommentare nicht die Sicht der Republikanischen Partei, ihrer Beamten oder Kandidaten repräsentieren.“

Mit seinen Kommentaren gab McCain auch anderen Republikanern Deckung um Trumps Kommentare zu kritisieren (wobei keiner der Senator/innen so weit gingen, die Unterstützung für Trumps Kampagne zurückzuziehen). Vor allem aber rief McCains Führung eine ähnliche Auseinandersetzung vom letzten Juli ins Gedächtnis, als Trump den Senator, der als amerikanischer Kriegsheld und jahrelanger Kriegsgefangener in Vietnam eine der wichtigsten und respektierten Stimmen für Kriegsveteranen ist, verspottete:

“Er ist kein Kriegsheld. Er ist ein Kriegsheld weil er gefangen wurde. Ich mag Leute, die nicht gefangen wurden.“

McCains Tochter, die Fox-News-Fernseh- und Radiomoderatorin Meghan McCain verwies per Tweet auf den Zusammenhang:

Auch verschiedene Organisationen der amerikanischen Kriegsveteranen haben sich gegen Trumps missachtende Haltung geäußert.  Brian Duffy, Leiter der Veterans of Foreign Wars, nannte Trump „zu weit gegangen” und erklärte:

“Es gibt bestimmte unantastbare Themen und wenn man diese einmal überschreitet kann man das nicht mit geschickten Wortspielen wieder gut machen…Es ist das größte Opfer, für die Nation sein Leben zu geben, gefolgt vom Opfer aller Gold-Stern-Familien, die ein Recht haben, gehört zu werden“.

Gold-Stern-Familien nennen sich Familien von Soldaten, die im Krieg gefallen sind. Seit Trumps Kommentaren haben sich viele dieser Familien hinter die Khans gestellt um eine Entschuldigung zu verlangen.

„ Man greift keine Gold-Stern-Familie an. Wer das tut, der greift uns alle an.“- Meredith, Mutter eines gefallenen Soldatens, aus Mountain View, California

17 der Familien haben einen offenen Brief an Trump geschrieben. Auch  die 400.000-starke Organisation Vote Vets hat sich hinter die Khans und andere Gold Stern Familien gestellt:

“Was wir geopfert haben werden Sie nie wissen. Was wir geopfert haben, würden wir Ihnen auch nie wünschen.“

Noch schädlicher für die Trump-Kampagne ist die Aufmerksamkeit, die nun seiner eigenen Kriegsverweigerung gewidmet wird. Fünfmal hätte der Kandidat einen offiziellen Aufschub des Militärdienstes bekommen – viermal für das Studium und einmal wegen angeblich „schlechten Fuessen“, so die NYT.

Sogar Präsident Obama hat sich, ohne Trump beim Namen zu nennen, zur Kontroverse geäußert und der Khan Familie Rückhalt gegeben:

„Niemand—Niemand hat für unsere Freiheit und Sicherheit mehr gegeben als unsere Gold-Stern-Familien.“ – @POTUS

Natürlich haben auch die Demokraten ihre Kritiker, die die Politisierung des Todes eines Soldatens anfechten und beteuern Herr Khan hätte es gestattet, dass

„sein toter Sohn für die aller hässlichsten Zwecke verwendet und durch den dreckigen Graben verlogener Parteipolitik geschleppt wurde.“

In einem verzweifelten Versuch, diesen letzten Wirbelsturm mit einem Hauch von politischem Humor zu beleuchten, stellte der Satiriker John Oliver letztlich fest:

“Wenn wir ehrlich sind, dann ist die größte Lektion dieser zwei Wochen, dass wir, so unglaublich wie das ist, kurz davor stehen einen Kandidaten zu wählen, der so geschädigt, soziopathisch, und narzisstisch ist, dass die einfache Pflicht eines Präsidenten die Familien gefallener Soldaten zu trösten ihn überfordert. Und ich habe wirklich nicht gedacht,  dass das Teil des Jobs wäre bei dem man versagen könnte.“

Könnte die Beleidigung der Familie Khan Trump und seiner Kampagne in den Augen der amerikanischen Bevölkerung einen Dämpfer verpassen, wo es kein anderer rassistischer, sexistischer, oder rein uninformierter Zwischenfall Trumps das bis jetzt konnte?

Dieser Artikel wurde unter Uncategorized kategorisiert und ist mit , verschlagwortet.

Kommentieren