A House Divided – ein erster Eindruck nach den Parteitagen

In einer berühmten Wahlkampfrede von 1858, zu einer Zeit, in welcher die USA aufgrund der Auseinandersetzung um die Sklaverei extrem gespalten waren, mahnte Abraham Lincoln die Einigkeit des Landes an. Mit Verweis auf die Bibel sagte er: „A house divided against itself cannot stand.“ Auf den Parteitagen der Republikaner und Demokraten in den letzten zwei Wochen ist deutlich geworden, wie gespalten dieses Land heute erneut ist, gespaltener wohl als in den letzten 50 Jahren. Und eine politisch einigende Figur scheint in weiter Ferne.

Auf beiden Parteitagen wurde der sprichwörtliche Untergang des Abendlandes an die Wand gemalt. Bei den Republikanern wurde ein Zerrbild von den USA als ein Land am Abgrund gezeichnet, akut und existentiell bedroht durch innere und äußere Feinde. Die Wirtschaft am Boden, die innere Sicherheit dahin, das politische System korrumpiert und unfähig. Ein düsteres Szenario einer Nation kurz vor dem Untergang, die nur noch auf die Rettung durch eine revolutionäre starke Führungspersönlichkeit, durch Donald Trump, hoffen kann. Und welche Hillary Clinton verhindern muss, eine Verbrecherin, die weggesperrt gehört. Einen derart von Wut, Hass und Distopie geprägten republikanischen Parteitag gab es noch nie.

Bei den Demokraten war das Bild Amerikas das komplette Gegenteil. Ein Land der Hoffnung, das stark ist, indem es zusammen steht. Ein tolerantes, modernes, für die Zukunft gut gerüstetes Land, dass goldenen Zeiten entgegen geht. Eine Demokratie zudem, wie Barack Obama betonte, die keinen starken Führer brauche, sondern den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit aller Bürgerinnen und Bürger. Die drohende Apokalypse malten die Demokraten aber ebenfalls an die Wand, in Form von Donald Trump. Er wurde als größte existentielle Gefahr für die USA bezeichnet, als jemand, der das Ende der Demokratie einläuten und das gesamte 250-jährige Projekt der USA zerstören könnte, als notorischer Lügner und Betrüger. So hart wurde noch nie ein politischer Gegner von demokratischer Seite angegriffen.

Prosperität und wirtschaftliche Perspektiven für die abgehängten Teile der US-amerikanischen Gesellschaft versprechen beide. Ansonsten aber gehen auch ihre politischen Schwerpunkte radikal auseinander. Bei Trump ist das Hauptthema Sicherheit und Ordnung, definiert überwiegend durch die Ausgrenzung und Einhegung von angeblich die Sicherheit gefährdenden Gruppen. Bei Clinton ist die zentrale Botschaft hingegen die Inklusion der US-Gesellschaft, die Verwirklichung von gleichen Chancen und gleicher Beteiligung für Frauen, Latinos, Schwarze, die LGBT-Community, etc. So unversöhnlich wie diese Vorstellungen der politischen Herausforderungen und der US-Gesellschaft von morgen sind auch die Slogans, die auf den Parteitagen wieder und wieder skandiert werden. Bei den Republikanern „Lock her up“ (=bringt Hillary Clinton hinter Gittern), bei den Demokraten „Love Trumps Hate“ (=Liebe ist stärker als Hass).

Die starke Polarisierung und gegenseitige Verteufelung des jeweils anderen Kandidaten ist auch der Tatsache geschuldet, dass es noch nie einen US-Präsidentschaftswahlkampf mit zwei derart unbeliebten Kandidaten gab. Die Folge wird ein Wahlkampf sein, der die kommenden Monate extrem negativ und schmutzig werden, und der die Fronten der beiden politischen Lager noch weiter verhärten wird. Wie das Ganze ausgeht, ist heute, zu Beginn des offiziellen Wahlkampfes, vollkommen offen. Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem viel auf dem Spiel steht.

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