Zerrissen oder auf dem Weg zur Einheit?

TEIL II:

Amerikaner ringen mit gesellschaftlichen Spannungen und fortwährender Gewalt 

Die tödlichen Vorfälle der letzten Woche haben die landesweite Debatte über Polizeibrutalität gegen „Communities of Color“, die Ausbildung von Polizeibeamten und Waffengesetze wieder aufflammen lassen.

Hier fassen wir die wichtigsten Stimmen und Sichtweisen zusammen, mit denen Amerikaner die letzte Woche über gerungen haben.

Schwarze Sicht, weiße Sicht

Zahlreiche Kommentatoren haben sich daran versucht, die rassistisch bedingte Dynamik sowohl der Tötungen als auch der öffentlichen Reaktion darauf sorgfältig zu analysieren.

In einem Meinungsartikel in der New York Times argumentiert Michael Eric Dyson, Soziologieprofessor an der Georgetown University, die Angriffe in Dallas hätten sich eines friedlichen Protests „bemächtigt“, und damit auch der „Debatte über echte Missstände, mit denen sich Afroamerikaner konfrontiert sehen.“ Er geht dabei auf die Narrative vom Schwarzen „Thug“ (Gangster, Schlägertypen) ein, die oft herangezogen wird, um Todesschüsse der Polizei zu rechtfertigen. Er fordert weiße Amerikaner dazu auf, „ehrlich damit umzugehen, wie Missstände für Schwarze ignoriert, missachtet oder abgetan werden“.

Es zirkulieren zahlreiche Artikel, in denen weiße Amerikaner dazu aufgefordert werden, sich über Polizeigewalt gegen Communities of Color zu informieren und sich dem Kampf gegen den Rassismus anzuschließen.

Die Washington Post nahm kritisch zu einigen der gängigsten Behauptungen Stellung, Schwarze und Weiße seien demselben Niveau an Polizeigewalt ausgesetzt, Schwarze erführen nur deswegen mehr Polizeigewalt, weil es mehr Gewalt unter Schwarzen gäbe, und Schwarze Eltern müssten einfach ihren Kindern beibringen, dass sie die Polizei mehr zu respektieren hätten.

#AllLivesMatter v. #BlackLivesMatter

Jedes Mal, wenn nach einem neuen Vorfall die Rufe „Black Lives Matter“ wieder laut werden, rufen sie eine Trotzreaktion seitens vornehmlich weißer Gemeinschaften hervor, die entgegenhalten „All Lives Matter“ (Alle Leben zählen). Diese Debatte ist auch diese Woche wieder losgebrochen. Nachrichtenorgane wie Fusion und Huffington Post erklärten, warum der Slogan „All Lives Matter“ die spezifische Diskriminierung verleugnet, der Schwarze Amerikaner ausgesetzt sind.

Rassismus und die NRA

Die letzte Woche hat selbst innerhalb des amerikanischen Waffenbesitzerverbands National Rifle Association zu internen Spannungen und einer seltenen Debatte zum Thema Rassismus geführt. Der Washington Post zufolge „debattieren Mitglieder, dass der Verband nicht stark genug für die Rechte von Waffenbesitzern eingetreten ist, weil er sich nicht unterstützend zu Philando Castile aus Falcon Heights in Minnesota äußerte. Castile war während einer Verkehrskontrolle erschossen worden, nachdem er die Beamten informiert hatte, dass er eine Lizenz zum offenen Tragen einer Waffe besaß.

Polizeireform: Dallas hat „eine der besten gemeindeorientierten Polizeikräfte der Nation“

Ironischer Weise galt die Polizei von Dallas als landesweit führend bei der Förderung von Vielfalt unter Mitarbeitern und in der Schulung von Beamten in Deeskalationstechniken. Unter der Führung ihres Polizeichefs David Brown, einem aus einem der ärmsten Viertel der Stadt stammenden Schwarzen Beamten, verminderte die Polizei sowohl die Zahl der Schusshandlungen, in die Polizeibeamte involviert waren, als auch Beschwerden der Bevölkerung dramatisch, förderte Transparenz und konzentrierte sich besonders auf den Dialog mit der örtlichen Schwarzen Gemeinschaft. Hören Sie hier den Bericht des Radiosenders NPR.

Indessen hat die Initiative gegen Polizeigewalt Campaign Zero große Aufmerksamkeit auf sozialen Medien erlangt. Die Kampagne bietet eine datenreiche Plattform spezifischer Polizeiprojekte und Fallstudien, die aufzeigen, wie 10 wesentliche Polizeireformen erzielt werden können, einschließlich einer Begrenzung von Gewaltanwendung, erhöhte Vertretung der Gemeinschaft, bessere Ausbildung für Beamte, ein Ende gewinnorientierter Polizeiarbeit, und eine Demilitarisierung der Polizeikräfte. Die Kampagne wird von vier Schwarzen Aktivisten geleitet und vermittelt Empfehlungen von Forschungsorganisationen sowie der Task Force des Präsidenten zum Thema Polizeiarbeit im 21. Jahrhundert.

Obama: „Es handelt sich hier nicht um Einzelfälle.“

Am 7. Juli äußerte sich Präsident Obama vom NATO-Gipfel in Warschau aus erstmals zum Tod von Sterling und Castile. Er erkannte zwar an, dass die Umstände der Erschießungen nicht vollends geklärt waren, wies aber darauf hin, dass es sich bei den tödlichen Schüssen auf zwei Schwarze Männer durch weiße Polizisten „nicht um Einzelfälle handelt. Sie sind Symptome einer größeren Bandbreite von Ungleichheiten zwischen den Rassen in unserem Strafrechtssystem.“ Der Präsident verwies weiter auf Statistiken, die zeigen, wie das Strafrechtssystem durchweg systematisch auf Communities of Color abzielt. Er schloss mit einem Aufruf an alle Amerikaner, das Problem als ihr eigenes Problem zu betrachten: „Wenn sich solche Vorfälle ereignen, empfindet ein großer Teil unserer Mitbürger, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe nicht gleichbehandelt werden. Und das schmerzt. Und das sollte uns alle beunruhigen. Das tangiert nicht nur die Schwarzen. Das tangiert nicht nur die Latinos. Es tangiert alle Amerikaner und wir alle sollten uns darüber Gedanken machen, jeder verständige Mensch sollte sich Sorgen machen.“

Am nächsten Tag ging der Präsident auf den Angriff von Dallas ein: „Heute werden wir schmerzhaft an die Opfer erinnert, die sie für uns erbringen.“ Dann spielte er erneut auf die Debatte um schärfere Waffengesetze an: „Wir wissen auch, dass wenn Menschen schwer bewaffnet sind, solche Angriffe leider noch tödlicher und tragischer werden.“

Der Präsident wird heute (Dienstag) einem Gedenkgottesdient in Dallas beiwohnen.

Beyonce: „Lasst unsere Wut zu Taten werden“

In Fortsetzung der scharfen politischen Kritik an systematischer Diskriminierung und Polizeibrutalität, die sie in Formation zum Ausdruck brachte, wandte sich Beyonce in einem offenen Brief auf ihrer Webseite an ihre Fans: „Wir sind die Tötungen junger Männer und Frauen in unseren Gemeinschaften leid. Wir müssen nun Stellung beziehen und fordern, dass sie aufhören, uns umzubringen.“

Die Sängerin listete Links zu Kongressabgeordneten auf und forderte ihre Fans dazu auf, aktiv zu werden: „Wir haben alle die Macht, unsere Wut und unsere Frustration in Handlung umzusetzen. Wir müssen unsere Stimmen erheben, wir müssen Politiker und Gesetzgeber in unseren Wahlbezirken kontaktieren und soziale und gesetzliche Reformen verlangen.“ Fans leisteten in derartigen Massen Folge, dass es zum Crash der Webseite des US-Kongresses kam.

Andere Schwarze Prominente melden sich nun auch zum Thema Gewalt zu Wort. Beyonces Ehemann, der Rapper JayZ, veröffentlichte das Stück „Spiritual“, in dessen Refrain es heißt:

Spiritual, yes it is spiritual…

I am not poison, no I am not poison
Just a boy from the hood that
Got my hands in the air
In despair don’t shoot
I just wanna do good

(Hier anhören)

In LA führte der Rapper Snoop Dogg einen Marsch zum Hauptquartier der Polizei von LA mit dem Ruf „ALLE GANGS, ALLE RASSEN; ALLE ERWACHSENEN MÄNNER, wozu sie auch gehören … wir stehen VEREINT.“

Die Kandidaten

Der Wahlkampf wurde kurzzeitig unterbrochen, als beide Kandidaten nach den Angriffen in Dallas ihre Veranstaltungen absagten.

Hillary Clinton rief ihre Anhänger eindringlich dazu auf, „einander [zuzuhören]“ und „sich vorzustellen, wie es wäre, wenn einem im Laden gefolgt würde, wenn andere Menschen ihre Autotüren verriegelten, wenn wir vorbeigehen, oder wenn wir jedes Mal ein Stoßgebet sprechen müssten, wenn unsere Kinder zum Spielen in den Park oder sich Eistee und Süßigkeiten kaufen gehen: ‚Bitte, Gott, lass meinem Baby nur nichts zustoßen‘.“ Sie forderte ihre Anhänger dazu auf, nicht „gleichgültig“ zu sein und verlangte eine Strafrechtsreform sowie Waffengesetze und größere Unterstützung für die Polizei des Landes.

Donald Trumps Reaktion auf die Angriffe war überraschend bedacht. Trump bedauerte die „entsetzlichen, einer Hinrichtung ähnelnden Schüsse auf 12 Polizeibeamte der Stadt Dallas“, meinte aber auch, dass „der sinnlose, tragische Tod zweier Menschen in Louisiana und Minnesota uns daran erinnert, wie viel zu tun ist.“ In einem für seinen Wahlkampf höchst untypischen Ton stellte er fest, dass „unsere Nation zu tief gespalten ist… [und] Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen (racial tensions) sich verschlimmert haben, statt sich zu verbessern. Das ist nicht der amerikanische Traum, den wir uns für unsere Kinder wünschen.“

Die Aktivisten

Während Polizeibeamte hunderte von Demonstranten im ganzen Land verhafteten, wurde diese Aufnahme der Verhaftung einer ‚Black Lives Matter‘-Aktivistin durch Polizei in schwerer Ausrüstung zum nationalen Sinnbild der Bewegung.

Dieser Artikel wurde unter Uncategorized abgelegt.

Diskussion

  1. Spannender Inhalt, aber schade, dass nicht mehr Vorsicht beim Umgang mit Begrifflichkeiten geübt wurde: „Amerikaner ringen mit Spannungen zwischen den Rassen und fortwährender Gewalt“ – im Ernst? Es gibt keine „Rassen“. Es gibt Spannungen nach rassistischer Polizeigewalt.

    Auch bei der Verwendung von „weiß“ und „Schwarz“ (groß!) gibt es Nuancen, die eine rassismuskritische Sprache beachten muss.
    „Farbige Gemeinschaften“? Das ist lustig. Die Leserschaft versteht auch „communities of color“ und wenn nicht, schaut sie es nach.

    PS: Tipps gibts unter anderem hier: http://www.adb-sachsen.de/tl_files/adb/pdf/Leitfaden_ADB_Koeln_disfreie_Sprache.pdf

    • Mackenzie Nelson

      Vielen Dank für den Hinweis. Der Post wurde aus dem Englischen übersetzt. Im Englischen sind Begriffe wie „Race“ „Racial tensions“ und „Blacks“ gängig und werden auch in Rassismus-kritischen Diskursen verwendet. Leider haben wir dies bei der Übersetzung übersehen. Wir werden den Text diesbezüglich nochmal einmal überarbeiten. Hoffentlich war der Inhalt trotzdem spannend und informativ.

      • Hallo, neben den erwähnten Begrifflichkeiten ist mir auch die unreflektierte Verwendung des Begriffes „Amerikaner“ aufgefallen. Amerika sind zwei Kontinente, wobei Amerigo Vespucci, nach dem Amerika benannt ist, eigentlich in Brasilien landete. Die Vereinnahmung des Begriffes „Amerika“, das ursprünglich für Südamerika, dann für Nord- und Südamerika verwendet wurde, nur noch auf ein Land zu reduzieren ist eine imperialistische Praktik der USA.

        • Mackenzie Nelson

          Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser Blog ist den US-Wahlen gewidmet. Wir sind daher zuversichtlich, dass unsere Leser/innen in diesem Fall verstehen, dass der Begriff „Amerikaner“ hier einem spezifisch US-amerikanischen Kontext entspricht. Wir hoffen der Artikel war auch inhaltlich interessant.

  2. Vielen Dank für den spannenden Artikel! Ich denke, unabhängig davon, wie die US-Wahlen ausgehen und wer letztendlich im Januar den Präsidentenposten übernimmt, gibt es in diesem Land sehr viel zu tun. Und vielleicht sollte man statt alle Welt-Probleme lösen zu wollen, zuerst diese schlimme Situation im eigenen Land unter Kontrolle kriegen. Das würde den US-Bürgern, unabhängig davon, ob Weiß oder Schwarz, sicherlich guttun und das Land auch mehr zusammenschweißen.

Kommentieren