„Ein stummer Krieg“ gegen Afroamerikaner

TEIL I:

„Ein stummer Krieg“ gegen Afroamerikaner

Wir alle haben inzwischen die Videos gesehen, die Berichterstattung gelesen:

Am Dienstag, den 5. Juli war die Polizei in Baton Rouge, Louisiana, nach einem Notruf im Einsatz. Berichten zufolge rangen Polizeibeamte Minuten nach ihrer Ankunft am Einsatzort Alton Sterling zu Boden und erschossen ihn dann, auf seinem Rücken kniend. Der 37-jährige Sterling war schwarz und fünffacher Vater. In seinem Umfeld kannte man ihn als den „CD-Mann“; mit Erlaubnis des Ladeninhabers verkaufte er CDs vor dem Geschäft, wo er erschossen wurde. Die beiden Polizisten waren weiß. Nun sind sie bezahlt vom Dienst freigestellt. Das Justizministerium hat eine Untersuchung eingeleitet, um festzustellen, ob ein Verfahren gegen die Beamten zu eröffnen ist.

Am Mittwoch, den 6. Juli hielt die Polizei im Viertel Falcon Heights der Stadt St. Paul in Minnesota das Fahrzeug von Philando Castile auf. Ersten Berichten zufolge wurde er eines defekten Rücklichts wegen aufgehalten, später stellte sich aber in Aussagen der Polizeibeamten heraus, dass Castile gezielt aufgrund seiner Hautfarbe gestoppt wurde, weil er „aussah wie ein Verdächtiger in einem bewaffneten Raubüberfall“. In Minnesota ist das offene Tragen („open carry“) von Waffen erlaubt, und laut Augenzeugenberichten teilte er den Beamten auch mit, dass sich im Fahrzeug eine Waffe befand, für die er einen gültigen Waffenschein besaß. Angaben zufolge fragte der Streifenbeamte nach Castiles Ausweis und schoss dann auf ihn, als der nach seinem Geldbeutel griff. Castiles Freundin Diamond „Lavish“ Reynolds übertrug die Minuten nach den Schüssen live auf Facebook. Sie und ihre vierjährige Tochter, die mit Castile im Auto gewesen waren, wurden nach dem Vorfall in den Polizeiwagen gesetzt. Philando Castile war 32 Jahre alt, ebenso Schwarz, und laut aller Berichte ein beliebter Mensaleiter an der örtlichen Montessori-Schule. Und wieder waren die Polizeibeamten weiß.

Die Ereignisse zogen Proteste nach sich: in Baton Rouge, vor der Gouverneursresidenz in Minnesota, vor dem Weißen Haus und im ganzen Land.

Black Lives Matter Aktivisten in Washington DC

Am Donnerstag, den 7. Juli hielt die Bewegung ‚Black Lives Matter‘ (deutsch: Schwarze Leben zählen) im Zentrum von Dallas eine große Protestveranstaltung ab. In einer weiteren Massenerschießung zielte ein Heckenschütze, der dem Protestmarsch gefolgt war, auf Polizeibeamte. Fünf Polizisten wurden dabei getötet: Brent Thompson, Patrick Zamarripa, Michael Krol, Michael Smith und Lorne Ahrens. Sieben weitere Beamte und zwei Zivilisten wurden verwundet. Als Tatverdächtiger wurde Micah Xavier Johnson identifiziert, ein in Afghanistan gedienter Veteran, der angeblich als Vergeltung für Polizeigewalt so viele weiße Polizisten wie möglich umbringen wollte. Aktivisten der Bewegung ‚Black Lives Matter‘ und die Schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP verurteilten die Attentate.

In den folgenden Tagen verhaftete die Polizei hunderte Aktivisten bei Protesten im ganzen Land, einschließlich DeRay Mckesson, eine prominente Führungspersönlichkeit der ‚Black Lives Matter‘-Bewegung. Teilnehmer an den Protesten behaupten, die Angriffe seien ein Versuch, Aktivisten einzuschüchtern.

„Wir sind niemals frei“

Polizeigewalt gegen Schwarze Männer und Frauen schockiert Amerikaner nicht. In den Worten Ta-Nehisi Coates‘, jenes jungen Schwarzen Schriftstellers aus Baltimore, der zum neuen Poeten der afroamerikanischen Gemeinschaft avanciert ist: „In Amerika ist es Tradition, den Schwarzen Körper zu zerstören—es gehört zum Kulturgut.“

Und so ist es auch. Tradition. Eine abstumpfende Routine.

Heute hat sich aus 250 Jahren der Sklaverei und einem Jahrhundert der Jim-Crow-Segregation eine neue Ära rassistisch motivierter Gewalt herausgebildet. Wie die Autorin von The New Jim Crow Michelle Alexander argumentiert, setzen sich gezielte Übergriffe auf Communities of Color in der systemischen Diskriminierung unseres Strafrechtssystems fort.

„Es befinden sich heute mehr Afroamerikaner unter der Kontrolle des Strafvollzugs–im Gefängnis, auf Bewährung oder auf Freigang–als im Jahre 1850 versklavt waren, ein Jahrzehnt vor Beginn des Bürgerkriegs.“

Eine der eloquentesten Stimmen in der Folge der gewaltsamen Vorfälle ist die von Valerie Castile, Mutter von Philando Castile. In Interviews nach den tödlichen Schüssen auf ihren Sohn beschrieb sie das Gespräch mit den Kindern (das weithin einfach als „the Talk“ bezeichnet wird), zu dem sich so viele schwarze Familien in ganz Amerika gezwungen sehen: „Ich habe ihnen immer gesagt, was auch immer du tust, wenn du von der Polizei aufgehalten wirst, füg dich, füg dich, füg dich … Das ist das Wichtigste, damit man eine Polizeikontrolle hoffentlich überlebt.“ Doch Fügsamkeit kann Schwarze Amerikaner nicht vor Polizeigewalt schützen. Zahlreiche Studien haben erwiesen, dass Schwarze weitaus häufiger getötet werden als Weiße: Im Jahr 2015, „wurden junge schwarze Männer mit einer neunfach höheren Wahrscheinlichkeit von Polizeibeamten getötet als andere Amerikaner.“ Interessanter Weise bietet eine neue Studie der Harvard University eine etwas differenziertere Sicht auf die Debatte. Aus der Studie geht hervor, dass die Polizei beim Einsatz von Gewalt People of Color eindeutig diskriminiert, dass aber der Einsatz tödlicher Gewalt für Schwarze und Weiße vielleicht doch gleichermaßen zum Tragen kommt.

Im Lichte solcher Daten spiegelt Valerie Castiles trostlose Einschätzung der Erschießungen wohl die alltägliche Erfahrung viel zu vieler Schwarzer Amerikaner wider:

„Auf uns wird tagtäglich Jagd gemacht. Es ist ein stummer Krieg gegen Afroamerikaner insgesamt. Wir sind niemals frei.“

Ein Weg nach vorn?

Doch in all dem Tumult, der die Nation diese Woche erschüttert hat, gibt es auch Hoffnungsschimmer.

Die Gewalt ist Routine. Doch was sich in jüngster Zeit verändert hat sind die Handys und Körperkameras, die es der ganzen Nation ermöglichen, Zeugen der tödlichen Vorfälle zu werden. Aufnahmen des Mordes an Alton Sterling wurden am Mittwoch öffentlich. Philando Castiles Lebensgefährtin Lavish Reynolds übertrug die Minuten nach den Schüssen im Live-Stream, während sie noch mit Castile im Wagen saß.

Was sich in den vergangenen paar Jahren verändert hat ist die Stärke der ‚Black Lives Matter‘-Bewegung. Binnen Stunden nach den beiden Vorfällen wurden in Baton Rouge und St. Paul Protestveranstaltungen abgehalten, sowie auch im ganzen Land, etwa in Los Angeles, New York, Oakland, Washington, DC. Und ja, auch in Dallas.

Was sich auch verändert hat, ist die Reaktion der Regierung und der Politiker. Das Justizministerium hat so rasch wie nie zuvor eine Untersuchung des Todes von Alton Sterling angekündigt. Ebenso neu ist die Bereitschaft seitens der politischen Führung, Gewalt als systemisches Problem zu benennen. Präsident Obama argumentierte eindringlich, die Erschießungen seien „Symptome einer größeren Bandbreite von Ungleichheiten zwischen den Rassen (races) in unserem Strafrechtssystem.“ In Erwiderung auf die Tötung Castiles fragte der Gouverneur von Minnesota Mike Dayton pointiert: „Wäre das geschehen, wenn die Fahrzeuginsassen, wenn der Fahrer weiß gewesen wäre? Ich glaube nicht.“ Seither beharrt er auf seinem Standpunkt, rassistische Vorurteile hätten in der Tötung Castiles eine wichtige Rolle gespielt.

Amerika ist ein Land, das sich die Minderwertigkeit von Afroamerikanern geradezu in die Verfassung geschrieben hat. Wie James Baldwin schrieb, als in diesem Land zuletzt eine Bürgerrechtsbewegung gegen rassistisch motivierte Ungleichheit: Amerikaner sind „nach wie vor in einer Geschichte gefangen, die sie nicht begreifen; erst, wenn sie sie verstehen, werden sie davon erlöst werden. Sie mussten viele Jahre lang glauben, aus unzähligen Gründen, dass Schwarze gegenüber Weißen minderwertig sind.“

Vielleicht stellt die Gewalt dieser Woche, die neu gefundene Klarheit einiger unserer Politiker sowie der wachsende Konsens, dass dies nicht das Land ist, das wir sein wollen, ja den Anbeginn einer neuen Verständigung dar. Doch für die vielen Schwarzen Amerikaner, die es sich zweimal überlegen, ehe sie die Polizei rufen, denen Philando Castile vor Augen schwebt, ehe sie in ihr eigenes Auto einsteigen, die ihre Kinder zur Schule schicken und ihnen dabei Bilder von Tamir Rice und Trayvon Martin durch den Kopf gehen, die überproportional mit dem Inneren von Gefängniszellen und Gerichtssälen vertraut sind, erscheint eine solche Hoffnung vielleicht noch weit von der Realität entfernt.


TEIL II:

Zerrissen oder auf dem Weg zur Einheit? Amerikaner ringen mit gesellschaftlichen Spannungen und fortwährender Gewalt

 

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