Hillary Clintons „Frauenkarte“ – ein Verdienstabzeichen für Amerika!

Glaubt man/frau Donald Trump, hat seine Gegenspielerin Hillary Clinton im US-Wahlkampf nur eine wirkliche Qualifikation — die Frauenkarte. So trompetete er im Vorwahlkampf im April: “Um ehrlich zu sein, würde sie nicht die Frauenkarte spielen, würde sie meiner Meinung nach nicht mehr als 5 Prozent der Stimmen bekommen.“

Was als Beleidigung und Herabwürdigung einer Kandidatin gemeint war, die nach Ansicht vieler Beobachter/innen zu den qualifiziertesten Bewerbern  gehört (und hier verwende ich bewusst die männliche Wortfom), die jemals das höchste politische Amt in den USA angestrebt haben, hat tatsächlich – ungewöhnlich für Äußerungen von Donald Trump – ein Körnchen Wahrheit.

Dass Hillary Clinton als erste Frau in den USA gute Chancen hat – und nach jüngsten Umfragen steigen diese wöchentlich – nach 43 kaukasischen Männern und einem Afro-amerikanischen Mann nach über 240 Jahren amerikanischer Demokratie zur  Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt zu werden, hat auch mit eher typisch weiblichen Stärken zu tun, auf die Hillary Clinton als Politikerin und Kandidatin zurückgreifen kann und die ihr politisches Engagement über Jahrzehnte geprägt haben.

Die Frauenkarte, die Donald Trump beklagt, der selbst unermüdlich die „Weiße-Männer-Karte-spielt“, ist allerding keine Freikarte, sondern ein Verdienstabzeichen für Steh- und Durchhaltevermögen, eiserne Selbstdisziplin und Beharrlichkeit, und die Fähigkeit, persönliche Beleidigungen und sexistische Anfeindungen, sowie die eigene Eitelkeit oder verletzten Stolz wegzustecken und unfairen Angriffen Sachkompetenz, Bereitschaft zur Unterstützung der gemeinsamen Sache und konkrete Lösungs- und Kompromissvorschläge entgegenzusetzen. Nicht nur einmal, oder zweimal, sondern wieder, und wieder, und wieder…..

Das alles klingt für Frauen einer bestimmten Generation mehr als vertraut, deren  Mütter noch in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter fest verankert waren (wenn auch oft nicht freiwilig) und die im Berufsleben oft erleben mussten — und dieses Phänomen ist auch in der Gegenwart noch zu oft zu beobachten –, dass sie als Arbeitsbienen die langwierige harte Kleinarbeit machen, auf deren Basis dann Männer in Führungspositionen laut und selbstbewusst die inspirierenden Reden über Sachverhalte schwingen, von denen sie eigentich keine Ahnung haben.

Ähnliches war auch im amerikanischen Vorwahlkampf zu beobachten, der mit der letzten Vorwahl in Washington, DC am 10 Juni faktisch beendet wurde, selbst wenn die offizielle Nominierung von Hillary Clinton und Donald Trump als Präsidentchaftskandidat/innen der Demokraten und Republikaner bei den jeweiligen Parteitagen im Juli noch aussteht.

Als charismatische Redner mit kraftvoller Rhetorik vor großem Publikum wurden die Männer wahrgenommen, zuletzt Bernie Sanders und Donald Trump. Denn das amerikanische (Vor)Wahlsystem belohnt traditionell Aura und Rednergabe, Politikprogramme mit Slogans und Soundbyte (neu: zunehmend via Twitter), Lautstärke und (fast messianisches) Selbstbewusstsein – solange sie von einem Mann kommen. Aber kaum Fleiß, Wissen um die Komplexität von Sachverhalten oder detaillierte Handlungs- und Politikvorlagen, die zum Beispiel Hillary Clinton als Politikerin mit eher typisch weiblicher Überkompetenz charakterisieren.

Denn bei weiblichen Kandidatinnen wie Hillary Clinton (aber auch die Republikanerin Carla Fiorini hatte darunter zu leiden) wird Lautstärke als „schrilles Schreien“ und selbstbewusste Beharrlichkeit (assertiveness) als „nerventötende und auf den Wecker gehende Aggresivität“ (abrasiveness) gewertet, die die „Liebenswertigkeit“ (likability) einer Politikerin und ihre Zutimmungswerte beeinträchtigen. Das hat übrigens im Fall von Hillary Clinton als Politikerin eine lange Tradition, die bereits in den Neunziger Jahren als First Lady und im Wahlkampf 2008 immer wieder als zu laut, zu aggresiv, zu selbstbewusst, zu feministisch, zu progressiv und zu wenig liebenswürdig kategorisiert wurde (wir erinnern uns an Barack Obamas herablassende Würdigung seiner Gegnerin als „likeable enough“).

Da klingt es fast wie eine Ironie der Geschichte, dass Hillary Clinton im Jahr 2016 als Kandidatin des politischen Establishments gesehen wird und ihre progressiveren Politikvorschläge in den Medien wenig Erwähnung finden, während Männern wie Bernie Sanders und Donald Trump der Mantel der populistischen Revolution angehängt wird (in den sich beide mit eitler Selbstüberschätzung einhüllen).  Und dass besonders junge demokratische Wähler/innen die historischen  Leistungen Hillary Clintons über Jahrzehnte — ich denke da zum Beispiel an ihren Einsatz für Gleichberechtigung weltweit und ihre kraftvolle Aussage bei der Pekinger Weltfrauenkonferenz 1995 zu Frauenrechten als Menschenrechten, aber auch an ihren konsequenten Einsatz für die Unterstützung von Familien und universelle Krankenversicherung — und die symbolträchtige Bedeutung ihrer bevorstehenden offiziellen Nominierung als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten nicht schätzen können.

Die demokratische Präsidentschaftskanditur hat sich Hillary, die nicht als begnadete Rednerin gilt, gesichert, indem sie häufiger mit Frauen assoziierte Stärken gezielt (und mit Voraussicht bereits seit vielen Jahren) einsetzte – wohl wissend, aus leidiger Erfahrung , dass sie im Vorwahlkampf  2016 beim Versuch, „wie die Jungs“ zu agieren nicht gewinnen konnte. Ihre Kampagne im Vorwahlkampf war eine der Beziehungen, nicht der großartigen Reden vor einen Massenpublikum, und basierte auf ihrer enormen emotionalen Widerstandskraft (im Volksmund auch „dicke Haut“ gegenüber persönlichen Beleidigungen oder Anfechtungen genannt).  Sie hat über Jahre gezielt die Beziehungen zu demokratischen Führungskräften aufgebaut, zum Beispiel im Senat, wo sie ihren Stolz herunterschluckte, sich nicht ins Scheinwerferlicht drängte und über langsame stetige Knochenarbeit Koalitionen und Kompromisse schmiedete und Respekt erwarb, selbst unter Republikanern, die noch kurz zuvor Präsident Clinton an den Impeachment-Pranger gestellt hatten. Es ist deshalb kein Wunder – und auch verdient – dass die demokratischen Super-Delegates in überwältigender Mehrheit Hillary Clinton vor Bernie Sanders unterstützen.

Die Kampagne der Beziehungen gilt auch für ihr Verhältnis zu Wählern: Beobachter/innen beschreiben Hillary Clinton, die vor großem Publikum und in den Medien oft als steif und unnahbar erscheint, als warm, engagiert und zugänglich in kleinen Gruppen und Bürgerversammlungen, wo sie sich in Gesprächen auf Lösungen und konkrete Handlungsschritte konzentriert, zum Beispiel im Austausch mit Opfern amerikanischer Waffengewalt und als Verfechterin strikter Waffenkontrollen.

Die Präsidentschaftskandidatur von Hillary Clinton ist nicht die erste einer Frau im amerikanischen Wahlkampf.  Vor ihr haben sich bereits 1972 die Demokratin Shirley Chisholm aus Brooklyn, die erste Afro-amerikanische Kongressabgeordnete, sowie 2012 die für die US-Grünen antretende Jill Stein (die auch 2016 wieder ihre Partei im US-Wahlkampf vertritt) als Präsidentschaftskandidatinnen auf die nationale Bühne gedrängt. Jill Stein erhielt 2012 fast 500,000 Stimmen landesweit. Getreu nach dem Shirley Chisholm zugeschriebenen Motto: „Wenn sie dir keinen Platz am Tisch geben, bring deinen eigenen Klappstuhl mit…“

In ihrer Rede nach der gewonnenen demokratischen Vorwahl in Kalifornien am 7. Juni hat Hillary Clinton deshalb auch mit Recht all ihren Vorreiterinnen gehuldigt, angefangen mit den Stimmrechtlerinnen, die erst 1920 das amerikanische Frauenwahlrecht durchsetzen konnten.

Die Kandidatur von Hillary Clinton ist die nun aber die erste, die eine realistisch Chance auf Erfolg hat. Ihr könnte damit auf höchster politischer Ebene gelingen, was noch immer für so viele Frauen in den USA (wie in Europa und Deutschand ebenso) so verdammt hart ist: die gläserne Decke zu durchbrechen, die nach wie vor Führungsambitionen von Frauen im öffentlichen Leben bremst.

Das betrifft nicht nur das politische Umfeld: Nur 4 Prozent der CEO von Fortune 500 Firmen sind Frauen, in den Verwaltungsräten amerikanischer Unternehmen sind gerade einmal ein Fünftel Frauen. Sogar bei gemeinnützigen Organisationen oder im Schulwesen, wo Frauen die Mehrheit der qualifizierten Arbeitskräfte stellen, sind die Führungspositionen weiterhin mehrheitlich in (weißer) Männerhand.

Aber es betrifft eben gerade auch die Chancengleichheit in der amerikanischen Politik:  Frauen halten nur rund ein Viertel der Mandate auf Länderebene.  Im US-Repräsentantenhaus sind nur knapp 20 Prozent der Abgeordneten Frauen, ebenso im Senat. Nur sechs US Gouverneure sind Frauen, und es gab noch nie eine amerikanische Finanzministerin – oder eben eine Frau als Präsidentin und Oberbefehlshaberin der amerikanischen Streitkräfte.  Hillary Clintons Sieg im November wäre transformativ.  Oder wie es im Amerikanischen heißt: „You cannot be it, unless you see it!

Schon jetzt lässt sich absehen, dass die Genderkarte im Hauptwahlkampf eine enorme Rolle spielen wird – wie könnte es auch anders sein in einem amerikanischen Wahlkampf, der auch ein Duell der Persönlichkeiten zwischen einem Frauen-  und Fremdenhassenden, aber sachunkundigen Populisten und einer pragmatistischen, dickfelligen, kompetenten und erfahrenen Feministin ist.

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