Tuesday Talk of the Town – Die Wut des Bernie Sanders und die Querelen der Demokraten

In der letzten Woche wurde in Washington viel über Bernie Sanders gesprochen. Nicht, dass sich seine Chancen, Hillary Clinton die Kandidatur streitig zu machen, gebessert hätten. Aber der Tonfall seiner Kampagne gegenüber der demokratischen Partei und gegenüber Clinton selbst hat sich verhärtet.

Viele Clinton-Anhänger hatten darauf gehofft, dass Sanders angesichts ihres schier uneinholbaren Vorsprungs geneigt sein könnte, seine Kandidatur zurückzuziehen. Als wahrscheinlicher galt, dass Sanders bis zur letzten Vorwahl im Rennen bleiben und sein insgesamt starkes Abschneiden dann beim Parteitag darin ummünzen würde, das Programm der Partei inhaltlich zu beeinflussen. Beides würde unter den richtigen Umständen zu einer baldigen Einigung der Partei beitragen vor dem Hintergrund des bevorstehenden harten und richtungsweisenden Wahlkampfes gegen Donald Trump.

Aber statt sich zurück zu ziehen oder vorsorglich mit einer Nebenrolle beim Parteitag in Philadelphia zufrieden zu geben, hat Sanders seine Attacken auf Hillary Clinton und auf die Führung der demokratischen Partei deutlich verschärft. Schon vor einigen Wochen hatte Sanders sich in einer Debatte geweigert, Hillary Clinton grundsätzlich die Eignung als Präsidentin der USA zuzusprechen. Mittlerweile, bestärkt durch eine erneute Volte in Clintons Email-Affäre in den letzten Tagen, greift er offen und prinzipiell Clintons Charakter an und die aus seiner Sicht unfaire Organisation des Vorwahlkampfes von Seiten der demokratischen Parteiführung.

Die so erzeugte Stimmung überträgt sich auf viele Anhänger von Bernie Sanders, die sich von der Partei und dem beständig zitierten „Establishment“ verraten fühlen und ihre Wut nicht mehr zügeln. So gab es nach einer umstrittenen Auswahl von Parteitagsdelegierten in Nevada Randalen und gar Drohungen gegen die lokale Parteichefin. Clinton wird bei Sanders-Auftritten vom Publikum regelmäßig mit „She’s the worst!“ Chören bedacht. Auch viele andere renommierte demokratische Politiker/innen werden von Sanders Kampagne mittlerweile scharf angegriffen.

Umgekehrt wird der Tonfall auf Seiten vieler Clinton-Anhänger schärfer, welche Sanders vorwerfen, aus reinem Egoismus der Partei zu schaden und eine Strategie der verbrannten Erde zu verfolgen.

Nachdem Clinton sich bislang geweigert hat, vor der entscheidenden Vorwahl in Kalifornien am 7. Juni nochmals eine Fernsehdebatte mit Bernie Sanders auszutragen, hat dieser nun gar Donald Trump zu einem direkten Fernsehduell herauszufordert. Die Netzgemeinde nahm das begeistert auf.

Aus Sicht der demokratischen Partei und des Clinton-Lagers ist dies jedoch nur ein weiterer unerhörter Affront. Es ist unwahrscheinlich, dass es letztlich zu der Debatte kommt, doch wenn jemand davon profitieren würde, dann vermutlich Donald Trump, der seit Wochen Sanders‘ Wähler umschmeichelt und betont, wie unfair die Demokraten mit diesem umgingen.

Während es monatelang die Republikaner waren, die sich erbittert bekämpften, so hat sich das Blatt nun gewendet. Die tiefen Wunden, welche der lange demokratische Vorwahlkampf und die gegenseitigen Attacken bei den Anhängerschaften von Sanders und Clinton hinterlassen hat, treten offen zutage. Und während immer mehr ehemalige erbitterte Gegner von Trump ihm nun ihre Unterstützung zusagen, von Marco Rubio bis zu Lindsay Graham,  scheint das demokratische Lager gespaltener als je zuvor. So wird Hillary Clinton wohl erst beim Parteitag Ende Juli mit Unterstützung der sogenannten Superdelegierten eine Mehrheit hinter sich versammeln, während Donald Trump bereits seit einer Woche eine Mehrheit der Delegierten sicher hat, und sich in Ruhe auf den Krönungsparteitag vorbereiten kann. Selbst ein chaotischer und umkämpfter demokratischer Parteitag ist vor diesem Hintergrund nicht ausgeschlossen. Außerhalb des demokratischen Parteitagsgeländes werden bereits Demonstrationen von Sanders-nahen Gruppierungen erwartet.

Noch ist die Präsidentschaftswahl lange hin, und es ist gut möglich, dass sich die demokratischen Anhänger wieder zusammenraufen, wenn sich in einigen Wochen die Wogen geglättet haben und die Alternative einer Präsidentschaft von Donald Trump deutlicher wird. Aber es wird ein schwieriger Heilungsprozess, zu dem sowohl Clinton als auch Sanders ihren Beitrag werden leisten müssen. Jede weitere Woche harter interner Auseinandersetzungen wird ihn nicht einfacher machen.

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Diskussion

  1. Bastian,
    es erstaunt mich etwas, dass Du angesichts des Schwerpunktes, den Du für den Beitrag gewählt hast, die polls, in denen Sanders Trump weit deutlicher abhängt als Hillary (um es mal freundlich auszudrücken), nicht einmal erwähnst.

    • Liebe Silke, diese Umfragen habe ich nicht erwaehnt, weil Sanders die Nominierung nicht bekommen wird. Die zentrale Frage ist daher aus meiner Sicht, weshalb Clinton in den Umfragen vis a vis Trump nicht deutlicher fuehrt, bzw. in einigen hinten liegt. Das wiederum haengt, neben etlichen anderen Gruenden, auch an der mangelnden Unterstuetzung Clintons von Seiten vieler Sanders-Anhaenger. Auch deswegen ist es zentral, dass sich das demokratische Lager frueher oder spaeter zusammen rauft. Die Beruhigungspille aus demokratischer Sicht: Nationale Umfragen sind letzlich nicht entscheidend, sondern das Electoral College. Dort steht Clinton bislang noch gut da.

  2. Haben Sie zu Ihrer Einschätzung auch eine Quelle? Ich hätte da diese zwei und das sieht für Clinton auch nicht besser aus, als die landesweiten Umfragen, was ja trotz des Wahlsystems auch nicht völlig unlogisch ist.
    http://www.270towin.com/maps/clinton-trump-electoral-map
    http://www.270towin.com/maps/sanders-trump-electoral-map

    Ich habe den Eindruck, Sie sehen nur zwei Kandidaten der Demokraten. Fakt ist aber, dass Sanders für die Mittelschicht kämpft, während Clinton in der Vergangenheit bewiesen hat, dass ihre sozialen Versprechen nichts wert sind.

    Zudem gibt es deutlich die Chance, dass die Kriegsaktivitäten unter Clinton ausgeweitet und unter Sanders zurückgefahren werden.

    Alle Unterschiede führen dazu, dass frustrierte Menschen, die nicht mehr wählen gegangen sind, in Sanders die Chance auf eine wirkliche Veränderung sehen. Viele Menschen treten nur wegen ihm bei den Demokraten ein. Und mit Clinton als Kandidatin sind die ganz schnell wieder weg. Und Clinton werden sie auch nicht wählen.

    Können Sie mal erklären, warum Sie das Establishment in Anführungszeichen schreiben?

    • Die von Ihnen zitierte 270towin-Karte zeigt den derzeitigen Vorsprung von Clinton vor Trump im Electoral College laut Umfragen. Es gibt etliche Artikel in die Richtung, wie dieser eines konservativen, den Republikanern nahestehenden Blogs: http://www.redstate.com/diary/Matt_Mayer/2016/05/24/clinton-electoral-college/
      Ich wuerde dennoch auf aktuelle Umfragen nicht zu viel geben, zumal der Wahlkampf jetzt erst in die entscheidende monatelange Phase eintritt und uns vermutlich ein knappes Rennen bevorsteht.
      „Establishment“ als Kampagnen-Begriff, der von Sanders, aber auch auf rechter Seite, viel genutzt wird, setze ich in Anfuehrungszeichen, weil es ein unbestimntes und unscharfes Etikett ist. Was sagt denn „Establishment“ genau aus, und wen genau beschreibt es? Anstatt konkrete Personen, Organisationen oder gesellschaftliche Gruppen zu benennen, ist „Establishment“ potentiell jeder und alle, der auf der „anderen Seite“ steht. Genau diese Rethorik faehrt die Tea Party Bewegung auf konservativer Seite seit Jahren.

      • Nur weil es auch die Tea-Party nutzt, ist es doch nicht undefiniert. Ich verstehe darunter die Menschen, die an ihren Machtpositionen unter Aufgabe der politischen Ziele festhalten.

        Der Wikipedia-Artikel bringt es sehr gut auf den Punkt. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Establishment
        Und seit 1973 steht es im Duden.
        http://www.duden.de/rechtschreibung/Establishment

        Bestes Beispiel bei den deutschen Grünen ist aktuell Cem Özdemir, der sich als Spitzenkandidat mit der Ansage bewirbt: „Wir wollen 2017 mitregieren“. Mit wem denn? Und viel wichtiger, mit welchen Inhalten denn? Ich will grüne Themen voranbringen. Und wenn die Wähler_innen das nicht wollen, dann werde ich das akzeptieren. Und wenn grüne Themen durch Koalition mit der falschen Partei zu sehr unter die Räder kommen, dann will ich diese Koalition nicht.

        Eine Parteiführung muss nicht zwangsläufig den Begriff Establishment verdienen, z.B. wenn die Basis sich durch sie gut vertreten fühlt und die Politik von unten möglich bleibt. Wenn ein Parteichef aber z.B. auf einem geschlossenen Parteikonvent die wenigen Teilnehmer davon überzeugt, CETA für gut zu befinden, obwohl die Basis monatelang das Ding bekämpft hat, und selbst dann aus der Parteispitze niemensch aufsteht und diesen Chef ernsthaft herausfordert, dann rede ich von Establishment – in dem Fall von der SPD.

        Im Übrigen bin ich überzeugt, dass Frau Clinton um jeden Preis an die Macht will. Und ich bezweifle, dass für Bernie Sanders eine Welt komplett zerbricht, wenn er es nicht schafft. Er will vor allem diese Bewegung aufbauen, vielleicht um den Weg für Menschen wie Elizabeth Warren, Nina Turner oder Tulsi Gabbard zu ebnen, denn altersbedingt dürfte es wohl seine letzte Kandidatur sein.

        Und wenn er es doch noch schafft, dann braucht er diese Bewegung über die Wahl hinaus, denn erst dann beginnt die eigentliche Revolution:
        https://youtu.be/YkCr7YbZznU ab 1:32 bis zum Schluss

  3. Prognosen sind immer schwierig, besonders wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.

  4. „weil Sanders die Nominierung nicht bekommen wird“: warten wir’s mal ab. Z.B. ob das FBI Anklage erhebt gegen Clinton, oder ob die steigende Anzahl von Anträgen gegen die Macht der Superdelegierten noch einen Einfluss auf die Entscheidungen des Parteiapparates der Demokraten hat. Oder ob sich die Umfragewerte so weiter entwickeln (also für Hillary nach unten). Ich jedenfalls drücke Sanders beide Daumen.
    Lieber Gruß
    Silke
    PS: dass Du dieses Bild gewählt hast, hat IMHO etwas propagandistische Züge.

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